Wie verändern sich die Agrarstrukturen in Deutschland in den nächsten neun Jahren? Welche Regionen werden ihre heutige Struktur weitgehend erhalten können und wo stehen grundlegende Veränderungen bevor? Welche Betriebszweige geraten stärker unter Druck und wo entstehen neue Entwicklungsmöglichkeiten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Beitrag „Strukturwandel-Trends der deutschen Landwirtschaft bis 2035 – so könnte sich das Bild der Landwirtschaft in den nächsten Jahren verändern“, den der Tarmstedter Agrarexperte Dirk Gieschen für die Jubiläumsausgabe der agrarzeitung geschrieben hat.
Als Ergebnis der zugrunde liegenden Studie der GMC Marketing GmbH (bitte verlinken) stellt Gieschen die Strukturwandel-Trend-Landkarte für die Landwirtschaft im Jahr 2035 vor. Sie ist keine Prognose, die einen exakten Zustand für jede Region vorhersagen kann. Vielmehr zeigt sie mögliche Entwicklungslinien auf und macht sichtbar, wie unterschiedlich sich der Strukturwandel innerhalb Deutschlands vollziehen könnte.
Strukturwandel verläuft regional unterschiedlich
Klassische Analysen des Strukturwandels in der Landwirtschaft basieren oft auf bundesweiten Zahlen: Die Zahl der Betriebe geht mit einem festen Prozentsatz zurück, die durchschnittlichen Betriebsgrößen wachsen und Produktionsschwerpunkte verändern sich. Aus Sicht von Dirk Gieschen greifen solche Analysen auf bundesweiter Ebene jedoch viel zu kurz: „Die deutsche Landwirtschaft ist hierfür zwischen Nord und Süd, Ost und West einfach zu vielfältig strukturiert. Die entscheidende Frage lautet für mich deshalb: Wie könnte der Strukturwandel in den verschiedenen Gebieten Deutschlands wirklich ablaufen? Welche Regionen gewinnen, welche verlieren“, fragt der Autor.
Die Strukturwandel-Trend-Landkarte zeigt die möglichen Entwicklungspfade auf: In einigen Regionen könnten sich bestehende Produktionsschwerpunkte wie die Milchviehhaltung, die Geflügelhaltung oder der Ackerbau weiter konzentrieren. In anderen Regionen könnten Schweinehaltung oder bestimmte Ackerkulturen deutlich an Bedeutung verlieren.
Gleichzeitig entstehen neue Betriebskonzepte, Produktionsrichtungen oder Einkommensquellen. „Eine Region, in der beispielsweise die Tierhaltung sinkt, muss deshalb nicht automatisch zu den „Verlierern“ gehören. Möglicherweise verändert sich dort vielmehr die gesamte landwirtschaftliche Struktur, der Ökolandbau und die Direktvermarktung nehmen zu“, so Gieschen.
Welche Faktoren prägen die Landwirtschaft bis 2035?
Die Analyse zeigt: Wie sich einzelne Regionen entwickeln, hängt von einer Vielzahl miteinander verbundener Faktoren ab. Neben politischen und genehmigungsrechtlichen Rahmenbedingungen für Stallbau und Tierhaltung gehören Anforderungen an Umwelt-, Klima- und Gewässerschutz dazu. Das mögliche Ende bestimmter Haltungsformen kann insbesondere für kleinere oder investitionsschwächere Betriebe zu einem wichtigen Faktor bei der Entscheidung über die Fortführung der Tierhaltung werden.
Klimaveränderungen und Wasserverfügbarkeit werden entscheidende Faktoren
Gleichzeitig gewinnen Veränderungen des Klimas in allen Regionen Deutschlands an Bedeutung. Trockenperioden, Wasserverfügbarkeit und Möglichkeiten zur Beregnung werden künftig noch stärker darüber entscheiden, welche Kulturen an bestimmten Standorten wirtschaftlich angebaut werden können.
Auch der Wettbewerb um landwirtschaftliche Flächen verändert die Entwicklungsmöglichkeiten der Betriebe. Flächen werden nicht nur innerhalb der Landwirtschaft nachgefragt, sondern werden auch für Infrastruktur, Energieerzeugung, Naturschutz oder Ausgleichsmaßnahmen benötigt.
Hinzu kommen gesellschaftliche und marktwirtschaftliche Entwicklungen: die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln, Direktvermarktung und Hofläden, die Entwicklung des Ökolandbaus oder die Nähe zu kaufkräftigen Ballungsräumen.
Nicht zuletzt entscheidet die nächste Generation mit darüber, wie die Agrarstruktur im Jahr 2035 aussehen wird. Wo Betriebsnachfolgerinnen und Betriebsnachfolger Perspektiven sehen, wird investiert. Fehlen wirtschaftliche Perspektiven oder ist die Arbeitsbelastung dauerhaft zu hoch, steigt dagegen die Wahrscheinlichkeit einer Betriebsaufgabe.
Wo könnten Strukturbrüche entstehen?
Besonders dynamisch kann der Strukturwandel in Regionen verlaufen, in denen mehrere Belastungs- und Veränderungsfaktoren gleichzeitig zusammenkommen. Hoher Investitionsbedarf, erschwerte Genehmigungsverfahren, begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten und eine ungeklärte Hofnachfolge können dazu führen, dass Betriebe Investitionen zurückstellen, Produktionszweige aufgeben oder ganz aus der Bewirtschaftung ausscheiden. Dadurch verändern sich nicht nur Betriebszahlen und Betriebsgrößen, sondern auch regionale Produktionsschwerpunkte und Wertschöpfungsstrukturen.
Welche Betriebsformen dabei künftig an Bedeutung gewinnen, wird regional unterschiedlich ausfallen. Größere landwirtschaftliche Unternehmen und Agrargenossenschaften können zusätzliche Flächen oder Produktionskapazitäten übernehmen. Gleichzeitig können sich spezialisierte Familienbetriebe, Kooperationen oder arbeitsteilige Betriebsmodelle weiterentwickeln. Bis 2035 dürfte sich die Agrarstruktur damit regional stärker ausdifferenzieren und bestehende Unterschiede zwischen den Produktionsräumen weiter verstärken.
Warum diese Entwicklung für das Agribusiness wichtig ist
Die Frage nach der Agrarstruktur von morgen betrifft nicht nur landwirtschaftliche Betriebe. Für Unternehmen entlang der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette ist entscheidend, wo künftig welche Landwirtschaft stattfindet.
Das betrifft unter anderem:
- Landtechnik und Landmaschinenhandel
- Saatgut, Pflanzenschutz und Düngemittel
- Stallbau und technische Betriebsausstattung
- Futtermittel und Tierernährung
- Agrarhandel und Genossenschaften
- Finanzierung und Versicherungen
- Beratung und Dienstleistungen
Wenn sich Produktionsschwerpunkte regional verschieben, verändert sich auch das Marktpotenzial. Vertriebsgebiete, Produktportfolios, Serviceangebote und Investitionsentscheidungen müssen sich an diesen Entwicklungen orientieren. Eine fundierte Einschätzung der zukünftigen Agrarstruktur wird damit zunehmend zu einer Grundlage für strategische Entscheidungen im Agribusiness.
Zukunftsbilder statt vermeintlich exakter Prognosen
Die von der GMC Marketing GmbH erarbeitete Strukturwandel-Trend-Landkarte für 2035 liefert keine punktgenaue Prognose zur Zahl einzelner Betriebsformen in bestimmten Regionen. Sie dient die Karte zur Verdeutlichung von strukturelle Entwicklungslinien, regionale Veränderungsdynamiken und mögliche Verschiebungen von Produktionsschwerpunkten.
Für strategische Unternehmensentscheidungen ist diese Perspektive besonders relevant. Langfristige Markt- und Investitionsentscheidungen sollten unterschiedliche Entwicklungspfade und Szenarien berücksichtigen. Um regionale Marktpotenziale, Veränderungen in Kundengruppen und mögliche Auswirkungen auf Vertrieb, Produktportfolio und Unternehmensstrategie fundiert zu bewerten.
Landwirtschaft 2035 als Thema für Marktanalysen, Vorträge und Workshops
Die Entwicklung der Agrarstrukturen lässt sich auch auf einzelne Märkte, Regionen oder Unternehmensfragen übertragen.
- Welche landwirtschaftlichen Kundengruppen werden künftig relevant sein?
- Wo entstehen Wachstumsregionen?
- Welche Betriebszweige verlieren möglicherweise an Bedeutung?
- Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Vertrieb, Produkte und Unternehmensstrategie?
Genau hier setzen die Agrarvorträge und Strategie-Workshops für die Landwirtschaft, das Agrarbusiness sowie für Banken und Sparkassen an. Sie verdichten komplexe Entwicklungen, ordnen regionale und strukturelle Trends ein und schaffen eine gemeinsame Grundlage für strategische Diskussionen im Unternehmen. Das ist besonders relevant, wenn Vertriebsgebiete neu bewertet, Zielgruppen geschärft, Marktchancen eingeordnet oder strategische Entscheidungen vorbereitet werden sollen.
Wie gut ist Ihr Unternehmen auf die Veränderungen der Landwirtschaft bis 2035 vorbereitet?









